Mittwoch, 7. August 2013

Thirteen

"Mädchen, du bist in echten Schwierigkeiten", er starrt sie mit großen Augen an und stößt einen tiefen Seufzer aus. Sie zuckt mit den Schultern, lächelt hämisch und greift nach dem Bier. "Ist das deine Lösung? Ignoranz und Alkohol?" Sie setzt die Flasche an und leert sie mit wenigen Zügen. "Hier, mach dich mal nützlich und hol´ mir ein Neues", begegnet sie ihm harsch und drückt ihm die Flasche in die Hand. "Ich geh´ kurz mal raus, also beeil´ dich." Sie hofft, das würde ihm als Antwort genügen. Die Musik ist eh unerträglich in dem Laden, sie braucht frische Luft. Falsch. Eine Zigarette. Überall stehen die Leute im Weg und amüsieren sich, angewidert drückt sie sich durch die verschwitzten Körper. Ausdruckslose Gesichter, die stumpf im Takt der Musik mitwippen. Sie verzieht das Gesicht. Vor der Tür ist es nicht besser. Kleine Grüppchen, die in Feierlaune sind. Sie zündet sich eine Kippe an und stellt sich in eine Ecke. "Hier, dein Bier", rumpelt er und stolpert mit einer kühlen Flasche in ihre Richtung. Sie prostet ihm zu und leert es erneut. "Du bist schrecklich, aber das weißt du ja selber", sein Murren lässt sie kalt und knallt die leere Flasche auf einen kleinen Stehtisch. "Ey, das geht auch mit Gefühl, die muss man nicht so hinknallen", "Ranz mich nicht so von der Seite an, oder ist das dein Tisch?" Der Typ fehlt ihr jetzt noch. Sie hasst es, wenn sie dämlich angepöbelt wird. Ihr Begleiter hält sie am Arm, um zu vermeiden, das sie ihm direkt an die Kehle springt. "Bleib ruhig", zischt er ihr zu "Du hast schon genug Scheisse am Arsch".
Sie wirft dem anderen Typen abschätzige Blicke zu und murmelt was in ihre Haare, die immer wieder wild in ihr Gesicht wehen. Noch 13 gottverdammte Tage. 13. Sie atmet tief ein, schnippst die Zigarette weg und geht an den Leuten vorbei. Er folgt ihr.

Warum musste sie sich auch wieder überreden lassen. Sie hasst diesen Laden. Sie hasst diese Menschen. In ihrem Kopf türmen sich die schlimmsten Beschimpfungen. Sie beißt sich auf die Zunge. "Ich geh´ zum Kiosk, brauchst du noch was?" Er schüttelt den Kopf und kickt eine Dose über die halbe Strasse. Das Scheppern hebt sich von dem restlichen Geräuschebrei der Nacht ab. Er lächelt.

Es ist mitten in der Nacht. Kein Lüftchen. Keine Sterne. Ab und zu ein Auto, ein gröhlender Besoffener, kichernde Girlies. Sie geht schneller. Die gekaufte Flasche Billig-Whisky hat sie bereits geöffnet. "Hast du es eilig?" Sie nimmt einen großen Schluck und ignoriert seine Frage. Die Schuhe klackern über den Asphalt. Sie nimmt noch einen Schluck und drückt ihm dann die Flasche in die Hand "Trink!"
Widerwillig nippt er an dem Gesöff, der scharfe Geschmack treibt ihm Tränen in die Augen. "Wie kannst du das nur trinken?" Endlich wirkt das Zeug, denkt sie und ihre Schritte werden langsamer und entspannt. Sie dreht sich zu ihm um, greift nach der Flasche und lässt die bernsteinfarbende Flüssigkeit in großen Schlucken die Kehle hinunter gluckern. "Siehst du, ganz einfach", sie lächelt verschmitzt und boxt ihm gegen seine Schulter. Er verzieht das Gesicht und wuselt durch ihr Haar. "Du bist wirklich bemerkenswert", ihre Blicke treffen sich. Ihre Augen sind klar, aber rätselhaft. Er neigt den Kopf und kneift seine Augen zusammen, um ihrem Blick standzuhalten. "Das sind die Momente, in denen ich Angst vor dir habe", er wendet seinen Blick ab. Sie lacht.

Warum musste er sich auch wieder überreden lassen. Er hasst es, wenn sie so ist. Er hasst es, wenn er ihr aber trotzdem folgt. Seine Hände sind tief in seinen Hosentaschen zu einer Faust geballt und rotzt einen ordentlichen Grünen an ein Auto. "Wohin gehen wir jetzt?" Sie setzt die Flasche ab, bleibt stehen und lächelt.

Sie muss es ihm sagen. Das ist sie ihm schuldig, nach der ganzen Scheisse, die er schon für sie in Kauf genommen hat. Noch 13 gottverdammte Tage. Langsam benebelt von der Plörre, zündet sie sich eine Zigarette an und pustet den Rauch in sein Gesicht. "Weisst du,...", beginnt sie, "....du musst jetzt nicht hier sein, aber du bist es. Ich habe dich nicht darum gebeten. Und entweder wirst du gleich in diese verkackte Karre einsteigen, oder eben nicht", sie deutet in eine dunkle Gasse. "Scheisse, man, du weisst ganz genau, dass ich nicht von deiner Seite weichen werde", seine Stirn legt sich in Falten und er verzieht seinen Mund. "Dann haben wir das geklärt", sie kippt sich noch einen Schluck in den Mund.

Mitten in der Nacht, irgendwo in einer dunklen, schäbigen Gasse. Seine Nackenhaare wollten sich am liebsten aufstellen, aber er unterdrückt dieses Gefühl. Die Schritte hallen und verstummen im Nichts, bis sie plötzlich stehen bleibt. "Hier, nimm´mal die Pulle und steig ein", im selben Moment klackt die Fahrertür. Sie plumpst mit einem zufriedenen Schmatzen auf den abgeranzten Sitz. Das Licht funktioniert nicht. Er tastet sich am Auto entlang zur Beifahrertür. 92´er Chevy, matschige Farbe. Er würde ihr am liebsten etliche Fragen stellen, aber er lässt es und steigt wortlos ein. Ein großer Schluck beruhigt seine Nerven. Die Flasche ist so gut wie leer. War ja klar. Aus seinem Augenwinkel beobachtet er ihre Bewegung und mustert dabei unauffällig das abgenutzte Innenleben des Autos. Wirre Gedanken kreisen in seinem Kopf. Hat er Angst?

Er presst seine Lippen zusammen und drückt sich in den Sitz. Seine Beine ausgestreckt. Er zittert. Mit einem lauten "Jieeehaaaaaa", startet sie die Karre und das Radio springt an. Sein Atem stockt. Mit einem ungesundem KRZCH rastet die Automatik ein und einem lauten Motorenkrachen setzt sich der Chevy schwermütig in Bewegung. Er leert die Flasche und schließt die Augen.


-tbc-




Kommentare:

  1. Guter Text meine Liebe und wie immer erschreckend ehrlich. DU lässt dem Leser wirklich keine Möglichkeit die Augen zu verschließen.

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